Stark durch Corona | #4 Positives Denken kann tödlich sein

von | 17. Juli 2020

Nur nicht den Kopf verlieren: Positives Denken kann tödlich sein!

Ja, Positives Denken kann tödlich sein! Und das sage ich als bekennender Optimist. Warum? Weil ich es vor 20 Jahren am eigenen Leibe erlebt habe – und überlebt – nach 140 Tagen Geiselhaft im philippinischen Dschungel.

Und was damals im Dschungel galt, trifft auch auf die aktuelle Corona-Pandemie zu. Heute sind wir alle Geiseln: Corona schränkt unsere Bewegungsfreiheit ein, bis hin zur Quarantäne. Wir können der Bedrohungslage nicht entfliehen, wissen nicht wie sie sich entwickelt und wann sie endet – so wie damals, im Dschungel. In solch unsicheren Lagen drohen Menschen den Kopf zu verlieren.

Zuerst kommt der Schock. Menschen geraten in Angst und Panik. Hier hilft Optimismus. Um uns optimistisch zu stimmen, haben wir Geiseln allabendlich für das gedankt, was an diesem Tag – egal wie hart er war – auch positiv war: Das Wetter, eine Portion Reis, unser Überleben etc. Nach diesem Abendritual war ich spürbar zuversichtlicher, die Angstspirale im Kopf war durch positive Gedanken gestoppt.

Mein Optimismus hat mir im Dschungel vielleicht sogar das Leben gerettet, denn er wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus – nachweislich! Optimismus gilt als Kraftquelle in Krisen. Doch ich habe ihn auch als Gefahrenquelle kennengelernt und festgestellt: Positives Denken kann tödlich sein!
Nach Wochen der Gefangenschaft, spartanischer Reis-Diät, lebensgefährlicher Gefechte und Enthauptungsandrohungen verbesserte sich unsere Lage deutlich: Wir durften uns freier bewegen als zuvor, erhielten Essen von lokalen Zivilisten und ein Bewacher stutzte uns sogar mal die Bärte. Internationale Journalisten erhielten Zugang zu uns. Unser Geiselcamp schien sich zu öffnen. Die Entführer machten uns Hoffnung auf eine schnelle Freilassung: „Maybe tomorrow“. Wir dachten „Es ist vorbei!“ und waren optimistisch, fast euphorisch.

Kommt Ihnen das in diesen Tagen bekannt vor? Ja, wir befinden uns aktuell in derselben Phase, der kritischsten. Seit den Lockerungen der Corona-Regeln dürfen wir wieder Menschen treffen, shoppen gehen und auch wieder zum Friseur. Erleichterung und Optimismus machen sich breit. Für viele ist die Krise gefühlt schon vorbei. Im Dschungel habe ich gelernt: Wir dürfen jetzt nicht leichtfertig werden und die Hygiene schleifen lassen. Sonst riskieren wir weitere Corona-Tote. Zudem würde ein zweiter Lockdown viele berufliche Existenzen vernichten. Solch ein Rückschlag ist psychologisch schwer zu verkraften. Im Dschungel war er lebensgefährlich.

Unsere erhoffte Freilassung fiel aus. Wir waren geschockt. Einige Geiseln klammerten sich wieder an Gerüchte. „Nächste Woche kommt ihr frei“, hieß es, aber auch dieser Termin verstrich – mit beinahe fatalen Folgen. Die immer wieder enttäuschte Hoffnung stürzte einige Schicksalsgefährten in depressive Zustände und Suizidversuche. Andere blieben auch jetzt noch optimistisch, glaubten weiter an eine schnelle Freilassung. Das war gleichermaßen gefährlich, da sie leichtfertig wurden. Eine Geisel schlenderte unachtsam zur Dschungeltoilette, stolperte, zog sich eine blutige Wunde an der Hand zu. Diszipliniertes Händewaschen? Zu mühsam, nicht nötig, wir sind ja eh bald raus. Resultat: Eine Entzündung und 40 Grad Fieber – ohne medizinische Versorgung im Dschungel lebensgefährlich.

Wie im Dschungel, so in Corona: Die Krise ist noch nicht vorbei. Unsere Gefangenschaft als Geiseln des Virus endet erst mit einem Impfstoff. Bis dahin sind Geduld und Disziplin gefragt. Also Abstand halten und Hände lieber waschen als schütteln, damit es tatsächlich gut endet. Wir brauchen sie jetzt mehr denn je: die Kunst, nicht den Kopf zu verlieren. Bleiben wir positiv ohne leichtfertig zu werden. So werden wir unsere Freiheit wiedererlangen!