Positives Denken kann tödlich sein – auch im Business!

von | Apr 17, 2019

Optimismus ist ein zweischneidiges Schwert

Sie haben sicherlich schon viele Weisheiten über die Kraft des positiven Denkens gehört, wie zum Beispiel „Das Glas ist halbvoll“, „Positiv gedacht ist halb vollbracht“ oder „Glaube kann Berge versetzen“. Tatsächlich hilft Optimismus gerade in Krisenzeiten und ist als zentraler Schlüssel der Resilienz auch wissenschaftlich gut erforscht.

Auch mir hat Optimismus während meiner Entführung im Jahr 2000 extrem viel Kraft gegeben und war vielleicht sogar mein wichtigster Schutzfaktor überhaupt. (Siehe auch: Akzeptanz und Optimismus – das A und O der Resilienz) Aber ich habe auch erfahren, wie gefährlich positives Denken in Krisen sein kann. Falscher Optimismus kann tödlich enden und hat Menschen schon das Leben gekostet. Auch Unternehmen sind bereits wegen positiven Denkens aus dem Marktleben geschieden, wie beispielsweise Nokia und Kodak.

Es gibt unzählige Anleitungen zum positiven Denken – zurecht. Aber die Kunst des positiven Denkens liegt auch darin, seine Grenzen und Risiken zu kennen und zu berücksichtigen. Und zu wissen, was es neben positivem Denken noch braucht, um Krisen erfolgreich zu meistern. Darum geht es in diesem Beitrag.

Erfahrungsbeispiel Entführung

Während meiner Entführung habe ich die Risiken des positiven Denkens sehr eindrücklich erfahren. Kurzer Hintergrund: Im Jahr 2000 wurde ich mit 20 weiteren Menschen in Malaysia von Moslemrebellen entführt und für 140 Tage als Geisel im philippinischen Dschungel gefangen gehalten.

Die Optimisten unter uns Geiseln gingen von einer schnellen Freilassung aus: „Das dauert höchstens eine Woche.“ Aber die Frist verstrich, und wir waren immer noch gefangen. Es gab sogar wiederholt Gerüchte: „Am Wochenende seid ihr frei!“ Die Optimisten glaubten das und waren schon ganz euphorisch. Doch wieder Fehlanzeige! So ging es Woche für Woche, monatelang. Diese lebensgefährliche Zitterpartie war für alle Geiseln zermürbend, am schlimmsten jedoch traf es die Optimisten – denn sie fielen immer wieder aus der Euphorie in eine Depression, einige unter ihnen entwickelten sogar ernsthafte Suizidabsichten.

Wenn Sie möchten, können Sie sich einen Live-Eindruck von dieser gefährlichen Gefühlslage verschaffen, indem sie sich die Minuten 36–38 dieser „National Geographic“-Reportage der Entführung anschauen:

Enttäuschte Erwartungen sind also ein Risiko positiven Denkens. Noch schwerer wiegt allerdings, dass man vor lauter Optimismus die realen Risiken ausblendet, statt sich darauf vorzubereiten.

Dazu ein weiteres Beispiel: Einmal gab es Gerüchte einer baldigen Freilassung. Doch dann mussten wir plötzlich unter starkem Beschuss durch das philippinische Militär flüchten. Darauf waren Optimisten am allerwenigsten vorbereitet – innerlich wie äußerlich. Einer hatte zum Beispiel seine Flip Flops verlegt und rannte einfach barfuß los: Eine schlechte Voraussetzung für den darauf folgenden Nachtmarsch in ein neues Dschungelversteck. Denn barfuß bei Mondlicht durch den Dschungel zu laufen war extrem riskant und ohne medizinische Versorgung potenziell sogar tödlich.

Nur nicht den Kopf verlieren!

Aus diesen Gründen ist es gerade in Krisen wichtig, zwar an ein gutes Ende zu glauben, aber zugleich ganz realistisch mit den Risiken umzugehen und nicht vor lauter Optimismus und Euphorie den „Kopf zu verlieren“.

Im Dschungel half uns konkret, offen über mögliche Risiken zu sprechen und entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Aus Fehlern zu lernen war hierbei eine der effektivsten Methoden. Nach unserer Hals-über-Kopf-Flucht vor dem philippinischen Militär bereiteten wir uns zum Beispiel zu jedem Zeitpunkt viel fokussierter auf mögliche ähnliche Situationen vor. Dazu gehörte ein stets gepackter Reissack mit einer Gallone frischen Flusswassers und natürlich die Flip-Flops griffbereit – immer!

Menschen, die sich auf das Schlimmste vorbereiten, werden oft als Pessimisten abgetan. Dabei gehen sie ganz realistisch mit möglichen Risiken um und treffen entsprechende Vorkehrungen, um dann genauso sorgenfrei zu sein wie die Optimisten, nur eben sicherer. Ganz so wie bei einer Brandschutzübung, die Menschen ja auch keine Angst machen soll – sie dient der Sicherheit und rettet im Fall der Fälle das Leben.

Die große Herausforderung in Krisen ist der Spagat zwischen positivem Denken, also dem Glauben an einen guten Ausgang auf der einen Seite, und dem realistischen Risikomanagement auf der anderen Seite. Und genauso verhält es sich auch im Business.

Positives Denken im Business – ein Überlebensrisiko!

Auch Unternehmen können an positivem Denken sterben. Besonders bedroht sind Marktführer, denn sie schreiben gerne die Erfolge der Vergangenheit in die Zukunft fort und vertrauen auf den anhaltenden Erfolg ihrer bewährten Produkte. Dabei blenden sie Risiken am Markt aus, die sich zum Beispiel aus der digitalen Transformation ergeben. Prominente Beispiele hierfür sind die einstigen Marktführer Nokia und Kodak. Nokia hat die Smartphone-Technologie lange belächelt und dafür mit dem kompletten Verlust seines Handygeschäfts bezahlt. Kodak musste 2012 Insolvenz anmelden, weil sie nicht mit dem durchschlagenden Erfolg der Digitalfotografie gerechnet hatten. Sie waren zu optimistisch, was den Erfolg ihrer Produkte anging. Todesursache: Positives Denken.

Natürlich ist Optimismus, also der Glaube an eine positive Zukunft, auch in der Wirtschaft ein wichtiger Erfolgsfaktor. Aber nur dann, wenn zugleich auch die tatsächlichen Risiken der Gegenwart realistisch gemanagt werden. Ein schwieriger Spagat. Und genau hierin liegt einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren der erfolgreichsten Unternehmen.

In seinem Weltbestseller „Der Weg zu den Besten“ (engl. „Good to Great“) beschreibt der Wirtschaftsexperte Jim Collins die sieben Management-Prinzipien für dauerhaften Unternehmenserfolg. Eines davon lautet „Der Realität ins Auge blicken (ohne den Mut zu verlieren)“. Spitzenunternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Fehler von Nokia und Kodak dadurch vermeiden, indem sie bewusst und effektiv mit Risiken und Krisen im Markt umgehen.

Jim Collins untersuchte, wie Spitzenunternehmen mit Krisen umgehen und stellt fest:

In all diesen Fällen reagierte das Management auf die Herausforderungen mit einer wirkungsvollen psychologischen Zweigleisigkeit: Einerseits wurden die harten Fakten mit stoischer Gelassenheit zur Kenntnis genommen, andererseits bewahrte man sich seinen Glauben an ein gutes Ende.“ (Jim Collins)

Jim Collins gab dieser Zweigleisigkeit im Handeln den Namen „Stockdale-Paradox“, benannt nach Jim Stockdale. Er war von 1965 bis 1973als ranghöchster amerikanischer Offizier im vietnamesischen Kriegsgefangenenlager „Hanoi Hilton“, wurde in dieser Zeit mehr als 20-mal gefoltert und später zum Drei-Sterne-General der Navy befördert.

Seine Überlebensstrategie war: „Den Glauben behalten, dass man am Ende siegt, egal wie schwierig es wird – UND gleichzeitig sich den brutalen Tatsachen der momentanen Situation stellen, egal wie unerfreulich sie sind.

Nicht alle Kriegsgefangenen haben ihr Martyrium in Vietnam überlebt. Auf die Frage „Wer hat’s nicht geschafft?“ antwortet Stockdale: „Die Optimisten. Sie sagten sich: ‚Weihnachten sind wir zu Hause.‘ Und als Weihnachten vorbei war, sagten sie sich: ‚Ostern sind wir zu Hause.‘ Und als Ostern vorbei war, machten sie sich wieder Hoffnung auf Weihnachten. Sie starben an einem gebrochenen Herzen.

In diesem Sinne: Seien Sie optimistisch, aber verlieren Sie nicht den Kopf!

Jim Collins (2008) „Der Weg zu den Besten“: Die sieben Management-Prinzipien für dauerhaften Unternehmenserfolg“